Freitag, 18. Mai 2018

Argonaut für Deutschland


Benötigt Deutschland ein "Argonaut-Projekt"?


In einem vorherigen Beitrag ("Funktioniert Apple Health auch in Deutschland?") haben wir erläutert,
welche Voraussetzungen in den USA für die rasche Umsetzung von FHIR-Schnittstellen bei den Systemherstellern sorgen.

Dabei sind zwei Aspekte besonders interessant:

  1. das Subventionsprogramm im Rahmen des "HITECH Acts", das finanzielle Anreize für die Implementierung schafft
  2. ein fest vereinbarter Datensatz (hervorgegangen aus dem "Argonaut"-Projekt), bestehend aus etwa einem Dutzend FHIR-Ressourcen, mit fest vorgegebenen Pflichtfeldern und Terminologien, als "kleinster gemeinsamer Nenner" dieser Implementierungen.

Während sich ein 27 Milliarden dickes Subventionsprogramm für deutsche Systemhersteller im Gesundheitswesen nicht so ohne weiteres aus dem Ärmel schütteln lässt, so ist zumindest die Festlegung eines Minimal-Datensatzes, analog zu Argonaut, kein Hexenwerk.

Ein genauerer Blick in den "Argonaut Data Query Implementation Guide" zeigt, dass einige der dort definierten Ressourcen (z.B. Patient, Condition, AllergyIntolerance, Medication, Procedure...) zum Großteil über nur sehr wenige Pflichtfelder verfügen, andere (Goal, CarePlan, CareTeam) bestehen lediglich aus Freitexten oder dienen der logischen Gruppierung von Ressourcen.

Dennoch reichen die Vereinbarungen aus, um Diagnosen, Allergien, Impfungen, Medikations-, Vital- und Labordaten strukturiert und standardisiert über eine offene API zur Verfügung zu stellen.

Das Argonaut-Projekt hat darauf basierend bereits viele interessante Entwicklungen hervorgebracht, darunter nicht zuletzt die Möglichkeit für Patienten, Gesundheitsdaten auf das iPhone zu übertragen oder klinische Daten für die Forschung bereitzustellen ("Sync-4-Science"). Insbesondere für den Datentransfer zu und zwischen elektronischen Patientenakten, wie sie derzeit z.B. von der Techniker Krankenkasse betrieben werden, sind die Argonaut-Daten qualitativ und quantitativ ideal.

Um für deutsche Hersteller eine vergleichbaren Minimal-Datensatz zu erstellen, braucht es relativ wenig. Für einige der Ressourcen existieren bereits deutsche Basis-Profile, andere können ohne Änderung aus Argonaut übernommen werden.
Die größte Herausforderung besteht darin, einen adäquaten Ersatz für die in Argonaut häufig verwendeten, internationalen SNOMED-Terminologien zu finden, da für deren Nutzung in Deutschland keine landesweite Lizenz existiert und damit für Hersteller und Anwender nicht unerhebliche Lizenzkosten entstehen würden.

Das Technische Komitee für FHIR von HL7 Deutschland e.V. sucht derzeit nach Herstellern und Organisationen, die Interesse an einem "Deutschen Argonaut-Projekt" haben, sich an der Spezifikation des Datensatzes beteiligen möchten oder eine darauf basierende Implementierung erwägen.

Die Diskussion findet im internationalen FHIR-Community-Chat statt. Die Anmeldung ist kostenlos. Interessierte, Neugierige und Schaulustige sind herzlich willkommen!

Dienstag, 8. Mai 2018

Systemwechselschnittstelle nach SGB V? FHIR!

Die Änderungen des Paragraph 291d SGB V fordern die Festlegung einer System- bzw. Arztwechselschnittstelle:
In informationstechnische Systeme, die zum Erheben, Verarbeiten und Nutzen von personenbezogenen Patientendaten eingesetzt werden in
1. der vertragsärztlichen Versorgung,
2. der vertragszahnärztlichen Versorgung und
3. Krankenhäusern,
sind offene und standardisierte Schnittstellen zur systemneutralen Archivierung von Patientendaten sowie zur Übertragung von Patientendaten bei einem Systemwechsel zu integrieren. 
Einen §291 SGB V gibt es in den USA zwar nicht, jedoch einen Zusammenschluss zahlreicher Systemhersteller ("Argonaut-Projekt"), die um die rasche Spezifikation und Umsetzung von Interoperabilitätsanforderungen basierend auf dem FHIR-Standard, bemüht sind.
Die zugrunde liegenden Anforderungen lauten in den USA zwar etwas anders, z.B.:

  • Massendatenexport von pseudonymisierten Behandlungsdaten aus klinischen Systemen an Forschungseinrichtungen
  • Bereitstellung von anonymisierten Massendaten für KI-Systeme 
  • Aus-und Bewertung der Populationsgesundheit,
die hierfür konzipierte Lösung, die "FHIR Bulk Data API" deckt jedoch auch die Anforderungen an eine Systemwechselschnittstelle problemlos ab. Da das Argonaut-Projekt in dem Ruf steht, "Nägel mit Köpfen" zu machen, wird derzeit nicht nur an der Spezifikation gearbeitet, sondern auch eifrig implementiert und getestet. 

Interessanterweise findet der nächste großangelegte Test der Spezifikation ausgerechnet im Heimatland des Systemwechselschnittstellenproblems (Deutscher als ein Wort mit 35 Buchstaben wird's nicht) im Rahmen des Internationalen HL7 Work Group Meeting statt. 
Am Wochenende vom 12.-13. Mai wird in Köln programmiert und exportiert, bis die Leitungen glühen. Eine Beschreibung des zu testenden Szenarios findet sich hier.

Kurzeinführung in die FHIR Bulk Data API (engl.)



Aufgrund der modularen Architektur und der Profilierbarkeit des FHIR-Standards, ist die Spezifikation problemlos auf deutsche Gegebenheiten anpassbar. 

HL7 Deutschland e.V. arbeitet bereits seit mehreren Monaten an der Definition der deutschen Basisprofile für typische Datenobjekte, wie Patient, Organisation, Versicherungsdaten und Diagnosen. Mappings für die im niedergelassenen Bereich weit verbreiteten xDT-Formate wurden ebenfalls berücksichtigt. 

Es steht zur Erfüllung der §291-Anforderungen also eine Spezifikation zur Verfügung, die von zahlreichen Herstellern bereits implementiert und getestet wird, auf einem modernen, offenen und flexiblen Standard basiert und von einer breit aufgestellten Community von Entwicklern und Spezifizieren getragen wird.


In den kommenden Monaten werden aus dieser Community zahlreiche Tools, Frameworks, Code-Bibliotheken und Beispielimplementierungen hervorgehen, die die Umsetzung der entsprechenden Schnittstellen erheblich vereinfachen und beschleunigen.

Es bleibt zu hoffen, dass sich Deutschland den Argonauten anschließt, vielleicht im Rahmen eines "Epigonen-Projektes"?

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